Claudia Roth: Die Kehrtwende, die ihre Israel-Haltung neu ordnet

Claudia Roth: Die Kehrtwende, die ihre Israel-Haltung neu ordnet

Claudia Roth, Grünen-Politikerin und von 2021 bis 2025 Kulturstaatsministerin, bezeichnet ihre früheren kritischen Aussagen zum Israel-Palästina-Konflikt heute als Fehler. In einem aktuellen Interview revidiert sie Positionen, die sie im März 2024 in einem Interview mit dem Spiegel vertreten hatte.
Ausgangspunkt der Debatte ist die Berlinale 2024: Dort feierte der Dokumentarfilm „No Other Land“ Prämierungserfolge, bei denen das Produktionsteam scharfe anti-israelische Anschuldigungen erhob. Roth kritisierte diese Aussagen öffentlich scharf, heute sieht sie das anders.
Wie kam es zu der Kehrtwende?
Im März 2024 hatte sich Roth gegen die Begriffe Apartheid und Genozid zur Beschreibung der israelischen Politik im Westjordanland und Gazastreifen ausgesprochen. Mehrere Filmschaffende hatten bei der Berlinale-Gala deutliche Worte gewählt, auf die Roth damals reagierte.
- Regisseur Yuval Abraham aus Israel beschrieb die Lage zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern im Westjordanland mit dem Begriff Apartheid.
- Der palästinensische Filmemacher Basel Adra sprach von einem „Slaughter“ durch die israelische Kriegsführung im Gazastreifen, ohne laut Roth das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 zu erwähnen.
- Der US-Filmemacher Ben Russell warf Israel einen Genozid an den Palästinensern vor, was Roth damals als Tiefpunkt der Gala bezeichnete.
- Roth sprach im März 2024 zudem von offenem Antisemitismus in Teilen des linksradikalen Milieus.
Heute erklärt Roth, diese Kritik an den Filmemachern sei falsch gewesen. Sie würde nun durchaus von Apartheid im Westjordanland sprechen und begründet den Sinneswandel mit der Aussage eines Ministers, wonach Palästinenser bestimmte Straßen im Westjordanland nicht mehr benutzen dürften.
Auch bei der Documenta 2022 in Kassel, wo ein indonesisches Künstlerkollektiv mit antisemitischen Darstellungen einen internationalen Skandal auslöste, räumt Roth rückblickend ein, möglicherweise nicht entschieden genug aufgetreten zu sein. Sie habe die damalige Debatte als toxisch erlebt.
Was wirft Volker Beck ihr vor?
Beck ordnet ihre Haltung dem Schlagwort „Free Palestine from German Guilt“ zu und sieht darin dieselbe Linie, in die er auch den Schriftsteller Martin Walser sowie den AfD-Politiker Björn Höcke stellt.
Roth selbst berichtet, ausländische Freunde hätten sie gefragt, wann sie sich endlich von der historischen Schuld befreie oder anders damit umgehe. Gleichzeitig beklagt sie, dass der Antisemitismusbegriff ihrer Meinung nach missbraucht werde, wenn jede Kritik an der israelischen Regierung automatisch als antisemitisch gelte. Sie bekräftigt jedoch, dass Antisemitismus bekämpft werden müsse.
Was plant Roth als Nächstes?
Mit Blick auf die politische Lage in Berlin wirbt Roth dafür, den dortigen Akteuren unter Elif Eralp eine Chance auf Regierungsbildung zu geben und sie konstruktiv zu unterstützen.
SPD, Grüne und die Linke haben im November 2026 offizielle Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer Landesregierung aufgenommen, nachdem der Umgang der Linksfraktion mit einer Antisemitismusvereinbarung zum Streitpunkt geworden war. Strittig waren dabei ein externer Prüfmechanismus bei antisemitischen Vorfällen sowie verbindliche Aussagen zum Existenzrecht Israels.
Bild: Symbolbild, KI-erzeugt.







