Garri Kasparow: Die Kompromisslosigkeit, die ihn zum schärfsten Putin-Kritiker machte

Garri Kasparow: Die Kompromisslosigkeit, die ihn zum schärfsten Putin-Kritiker machte

Garri Kasparow, früherer Schachweltmeister und seit Jahren einer der bekanntesten russischen Oppositionellen im Exil, warnt vor Putins Strategie in Europa. Er geht davon aus, dass der russische Präsident innerhalb der nächsten zwei Jahre auf Regierungen setzt, die ihm in den meisten europäischen Ländern wohlgesinnt sind. Zugleich wirft Kasparow US-Präsident Trump vor, mit seiner Politik indirekt Russland zu stärken.
Warnung vor Putins Europa-Plan
Kasparow begründet seine Einschätzung mit konkreten Beispielen. Frankreich wähle 2027 einen neuen Präsidenten, müsse dabei aber bereits heute zwischen zwei Putin-Sympathisanten entscheiden, so Kasparow. In Deutschland beobachtet er ein Erstarken der aus seiner Sicht pro-russischen AfD, in Österreich sei die FPÖ nach seiner Einschätzung die populärste Partei.
Auch in Ungarn und Bulgarien sieht Kasparow Verschiebungen zugunsten Moskaus: Viktor Orbán sei zwar Putins Freund, doch inzwischen in Ungarn geschwächt, während Putin in Bulgarien einen neuen Verbündeten gefunden habe.
Die Loyalität gegenüber Putin beruhe dabei nach Kasparows Analyse vor allem auf Geld, nicht auf Ideologie. Er fordert deshalb, gezielt Putins Elite unter Druck zu setzen, damit in dessen Umfeld klar werde, dass der Krieg den eigenen Untergang bedeute.
Vom Brett zur Politik
Als seine Karriere am Brett endete, wandte sich Kasparow der Opposition gegen den Kreml zu und verlegte seinen Lebensmittelpunkt schon vor geraumer Zeit ins Ausland.
Diese Wende vom Brett zur politischen Bühne prägt bis heute seinen Blick auf Macht und Strategie: Er analysiert politische Konflikte ähnlich nüchtern wie einst eine Schachpartie.
Skepsis gegenüber Trump
Gegenüber Trump zeigt sich Kasparow skeptisch. Der US-Präsident handle vor allem aus Eigeninteresse, getrieben von Geld, Einfluss und persönlichem Ruhm, so Kasparow. Indem Trump die Unterstützung für Kiew zeitweise ausgebremst habe, stärke er Russland indirekt. Zudem behandle Trump autoritäre Staatschefs milder als demokratische Politiker.
Kasparow sieht aber auch Grenzen für Trumps Macht: US-Institutionen wirkten begrenzend, im Senat und durch Entscheidungen des Supreme Court forme sich zunehmend Widerstand gegen dessen Politik. Trumps Einfluss sei dadurch nicht mehr ungebrochen.
Die Demokratische Partei habe Trump früher als politisch schwach unterschätzt und bewusst als leicht zu schlagenden Gegner eingeplant – eine Fehleinschätzung, die zur heutigen Lage beigetragen habe, so Kasparow. Für die kommenden Kongresswahlen erwartet er Chancen zugunsten der Demokraten, vorausgesetzt die Partei überwindet ihre internen Streitigkeiten und findet zu einem gemäßigten, einheitlichen Kurs.
Blick auf Technologie und China
Für Kasparow hat sich auch die Kriegsführung grundlegend verändert, besonders durch Drohnen. Diese technologischen Veränderungen würden seiner Einschätzung nach massive politische und gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen. Als größere Bedrohung für Russlands Zukunft sieht Kasparow allerdings China, das massive territoriale Ansprüche auf russisches Gebiet erhebe – aus seiner Sicht gewichtiger als Chinas Ansprüche auf Taiwan.
Russlands künftiger Führung bleibe damit die Wahl zwischen einer Hinwendung zu Europa mit Reparationszahlungen und Anerkennung der ukrainischen Unabhängigkeit oder einer wachsenden Abhängigkeit von Peking.
Die Debatte um ChatGPT und große Sprachmodelle hält Kasparow dagegen für von Hysterie geprägt; historisch betrachtet habe in Russland nur ein verlorener Krieg zu gesellschaftlichen und politischen Veränderungen geführt. Die Möglichkeit, dass Putin taktische Atomwaffen einsetzt, schließt Kasparow aus.






