Angela Merkel: Die Rede in Berlin, die zeigt, wer heute über die Demokratie wacht

Angela Merkel: Die Rede in Berlin, die zeigt, wer heute über die Demokratie wacht

Fünf Jahre nach ihrem Rückzug aus dem Amt tritt sie wieder häufiger öffentlich auf: Sie hält Reden, veranstaltet Lesungen, nimmt an Podiumsdiskussionen teil und verleiht oder erhält Preise.
Der Saal war an diesem Abend voll besetzt. Der Redebeitrag dauerte weniger als 20 Minuten, doch er reichte, um erneut Fragen nach ihrer Rolle im politischen Deutschland zu stellen. Denn während über die Nachfolge für das Amt der Bundespräsidentschaft diskutiert wird, tritt sie selbst längst als moralische Stimme in Erscheinung, ganz ohne formales Amt.
Ihr Weg von Leipzig nach Templin prägte die Haltung
Nach eigenen Angaben fuhr sie damals extra von Leipzig nach Templin, um das Kölner Konzert am 13. November 1976 im Westfernsehen zu verfolgen. Zuvor kannte sie die Lieder nur von Tonbandaufnahmen, die ihr Pastorenvater besorgt hatte und die sie mit der Familie in Templin hörte.
Im Anschluss an den Auftritt verweigerte man dem Liedermacher die Wiedereinreise in die DDR und entzog ihm die Staatsbürgerschaft. In der Kulturszene formierten sich daraufhin zahlreiche Proteste und Solidaritätsbekundungen. Am 15. November 2026 wird er 90 Jahre alt, am 16. November jährt sich seine Ausbürgerung zum 50. Mal.
Die Rede im September 2026 galt als Spitze gegen die Opposition
Schon im späten September 2026 hatte sie bei einer Ausstellungseröffnung über Konrad Adenauer und ein Bildnis von ihm gesprochen. Diese Rede wurde als Kritik an der aktuellen Unionsführung gedeutet, die mit dem Osten Deutschlands nicht warmwerde. Beim Festival knüpfte sie nun an diese Linie an.
Sie zitierte einen Vers, der zu einem neuen Anfang aufruft, und beschrieb den Künstler als jemanden, der in jungen Jahren ziemlich von sich überzeugt gewesen sei, dem Demut damals eher fremd gewesen sei.
Sie rief dazu auf, sich aktiv für die Werte des Staates einzusetzen, und bezeichnete die Demokratie als verletzlicher, als bisher angenommen worden sei. Der Geehrte selbst, mit dem sie befreundet ist, sagt, er habe Toleranz nicht in der Diktatur gelernt, sondern im Westen.
Das Kino International, Schauplatz der Veranstaltung, hat selbst eine Geschichte des Widerstands: Die Premiere des DDR-Spielfilms „Spur der Steine“ wurde dort einst von der Staatssicherheit gezielt sabotiert. Mehrere Elemente des Abends fügten sich damit zu einem Bild zusammen:
- Sie sprach aus persönlicher Betroffenheit, da sie die Ereignisse von 1976 als junge Erwachsene miterlebt hatte.
- Ihr Redebeitrag verband die historische Reminiszenz mit einer aktuellen Mahnung zur Demokratie.
- Der Saal war voll besetzt, was auf öffentliches Interesse an diesen Auftritten hindeutet.
Wer in das höchste Staatsamt folgt, bleibt trotzdem offen
Parallel zu diesen öffentlichen Auftritten läuft die Suche nach einer Nachfolge für das höchste Staatsamt.
Sie selbst strebt diese Funktion nicht an, ihre öffentliche Präsenz entfaltet dennoch eine ähnliche Wirkung: Reden zu Demokratie, Verantwortung und historischen Lehren, wie sie sonst von einem Staatsoberhaupt erwartet werden.







